CORONA, KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN UND GEWALT GEGEN FRAUEN UND MÄDCHEN
18.Mai 2020
 
Gewalt gegen Frauen und Mädchen nimmt in der derzeitigen Situation zu und wird auch in der Öffentlichkeit als Problem wahrgenommen. Gleichzeitig fehlen Hilfeangebote und Ansprechpartner*innen, da das Leben für viele auf den engsten Kreis beschränkt ist. Mit unseren Wendo-Kursen unterstützen wir Frauen und Mädchen sich gegen Gewalt zu wehren. Das können wir unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen. Wir fordern, bei den Lockerung Gewaltprävention mit besonderer Wichtigkeit zu behandeln, in Schulen so bald wie möglich wieder zu ermöglichen und Kursräume für uns zu öffnen. Denn: Gewaltprävention geht ohne anfassen und ist wichtiger denn je!
 
Gewalt im Geschlechterverhältnis passiert vor allem im eigenen Zuhause, in der Beziehung und Familie. Und auf diese sind viele Frauen und Mädchen in der aktuellen Situation der Kontaktbeschränkung und Schulschließungen zurückgeworfen. Dies bleibt auch bei den aktuellen Lockerungen der Fall - soziale Interaktion bleibt eingeschränkt. Frauen und Mädchen sind viel zu Hause – genauso wie die Täter, ihre Ehemänner, Väter, Großväter, Brüder oder Onkel. Gleichzeitig fallen Gelegenheiten weg, in denen sich Frauen und Mädchen Hilfe holen können: Treffen mit Freund*innen, die unterstützen könnten; Zeiten, in denen sie allein zuhause sind und ungestört telefonieren können oder der (vermeintliche) Besuch des Sportvereins, der die Möglichkeit zur Flucht bietet oder dem Wutausbruch des Partners zu entkommen. Zudem haben Täter dadurch nicht nur mehr Möglichkeiten Gewalt auszuüben, auch ihre Gewaltbereitschaft steigt in einer belastenden Situation der Unsicherheit.
 
Vom aktuellen Anstieg der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, vor allem im eigenen Zuhause, berichten Fachberatungsstellen bereits seit Ende März. Schon in den ersten Tagen der Kontaktbeschränkung und Schulschließung waren Hilfetelefone überlastet (BKSF 26.03.2020) und das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ berichtet für April einen Anstieg der Beratungskontakte von 20% (NDR). Auch Politiker*innen schlagen Alarm. Die Generalsekretärin des Europarats Marija Pejcinovic betont, dass Kinder und Frauen derzeit in allen Mitgliedsstaaten einem höheren Risiko ausgesetzt sind (tagesschau) und der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für sexuellen Missbrauch Johannes-Wilhelm Rörig warnt vor einem zu erwartenden Anstieg sexualisierter Gewalt gegen Kinder (Tagesschau). Auf ähnliche Weise alarmiert auch Familienministerin Giffey, genauso wie die Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité. Und auch die Erfahrung aus Wuhan, dem Ausgangspunkt Coronavirus, lässt nichts Gutes vermuten. Dort haben Frauenschutzhäuser in der Zeit der Quarantäne dreimal so viele Betroffene von Gewalt im eigenen Zuhause registriert.
 
PRIMÄRPRÄVENTION: HANDELN BEVOR GEWALT AUSGEÜBT WIRD
 
Darin, dass etwas getan werden muss, sind sich alle einig. Darüber was getan werden muss, sollte nun intensiv diskutiert werden. Wir finden: Gewalt muss entgegengetreten werden, bevor sie passiert, auch und gerade in Krisenzeiten!
 
Politiker*innen und Medien fordern einstimmig die Hilfeangebote für von Gewalt betroffenen und bedrohten Frauen und Kindern auszuweiten, für systemrelevant zu erklären und durch Informationskampagnen auf die Hilfeangebote aufmerksam zu machen. Gleichzeitig werden Hilfs- und Unterstützungsangebote nur prekär finanziert. Wichtig wäre es in der aktuellen Situation auch auf Primärprävention zu setzen: D.h. Gewalt zu verhindern, bevor sie geschieht. Nicht zuletzt das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbulkonvention) weist auf die Wichtigkeit von Primärprävention hin. Ein wichtiger Teil von Primärprävention ist es Frauen und Mädchen zu ermächtigen, sich selbst wehren zu können, sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und ihren Mut zu würdigen. Das lernen Frauen und Mädchen in unseren Wendo-Kursen. Gerade in der derzeitigen Situation, in der sie im eigenen Zuhause eingeschlossen sind, in der Kontakte zu Vertrauenspersonen in der Schule, auf der Arbeit oder im Freund*innenkreis seltener sind, müssen wir die Fähigkeit von Frauen und Mädchen stärken den Tätern selbst entgegen treten zu können. Einen besseren Schutz als ihren eigenen Mut und ihre eigene Stärke können wir Ihnen nicht mitgeben. Dass auch die bestehenden Angebote der Sekundär- und Tertiärprävention ausgebaut werden müssen, steht natürlich gleichzeitig außer Frage. Wir fordern deswegen staatliche Institutionen, Kommunen, Landkreise und Bundesländer auf, sowohl das Hilfeangebot bei bereits stattfindender und nach erlebter Gewalt auszubauen als auch Angebote der Primärprävention verstärkt zu finanzieren und zu ermöglichen.
 
LASST UNS UNSERE ARBEIT MACHEN!
 
Gewaltprävention ist wichtiger Lernstoff
Vor diesem Hintergrund beobachten wir mit Besorgnis, dass Angebote der Gewaltprävention vielerorts auf Eis gelegt sind. Wir machen unsere Arbeit oft in Kooperation mit Schulen, mit außerschulischen Lernorten, der Jugendpflege, als Ferienprogramm oder im Jugendhaus. All diese Orte sind nun geschlossen oder nur stark eingeschränkt und die Schule soll nur für das Notwendigste geöffnet werden. Keine Frage: Die Kontaktbeschränkungen sind notwendig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Bei den Lockerungen muss Gewaltprävention jedoch eine hohe Priorität haben! Für von Gewalt betroffene und bedrohte Kinder ist es wichtiger Hilfe zu bekommen, als den Lernstoff der letzten Wochen nachzuholen. Insofern sind wir beunruhigt von Ankündigungen extracurriculare Angebote bis zu den Herbstferien nicht stattfinden zu lassen. Wir fordern das Kultusministerium, die Schulämter, Schulleitungen und außerschulische Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sowie Einrichtungen der Behindertenhilfe auf, bei der Rückkehr zu Normalität Gewaltprävention priorisiert zu behandeln. Es müssen Räume geboten werden, die für Frauen nutzbar sind, in denen es möglich ist, ungestört Kurse durchzuführen. Die groß genug sind und ausreichend Hygieneschutz ermöglichen.
Gewaltprävention ist kein Sport oder eine Freizeitbeschäftigung. Und sie muss von staatlicher Seite vermehrt unterstützt und finanziert werden.
 
Gewaltprävention ist wichtig, um in den eigenen 4 Wänden zu überleben
 
Gewalt gegen Frauen endet in Deutschland regelmäßig tödlich. Gerade wenn das soziale Umfeld und viele alltäglichen Einrichtungen zum Ausweichen wegfallen, ist es umso wichtiger, Frauen zu stärken. Feministische Selbstverteidigung und Selbstbehauptung erhöht die Möglichkeiten, sich gegen Täter zu Wehr zu setzen, gerade wenn eine mit ihm zu Hause eingesperrt ist. Frauen zu sagen, "Wehr dich doch einfach" und "Hol dir Hilfe" ist leicht, reicht im Konkreten aber oft nicht aus. Frauen benötigen Wissen und Übungsräume, um neue Strategien auszuprobieren.
Für viele Frauen ist es auch nicht leicht mit bereits erlebter körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt einen Umgang zu finden. In unseren Kursen machen Frauen die Erfahrung, dass sie nicht allein sind. Eine Studie von Prof. Liz Kelly zeigt, dass feministische Selbstbehauptung und Selbstverteidigung auch bei der Verarbeitung von Gewalt eine wichtige Ressource darstellt und bestätigt damit, was wir an Rückmeldungen von unseren Kursteilnehmerinnen erhalten.
Gewalt gegen Frauen entsteht nicht im leeren Raum. Die Corona-Pandemie drängt Frauen wieder zurück aus der Öffentlichkeit ins Private. Geschlechterrollen, die viele längst überwunden glaubten, werden in dieser Krise manifestiert. Dies begünstigt Gewalttaten.
Frauen mit Behinderungen sind oft in Einrichtungen und Familien festgesetzt und haben in dieser Zeit der Krise noch weniger Möglichkeiten als sonst, sich Unterstützung zu suchen und die Isolation zu durchbrechen. Und dass, obwohl gerade Frauen mit Behinderungen noch häufiger sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. (Mehr dazu bei Schröttle, Monika et al. Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland, 2013)
Für Frauen mit Fluchterfahrungen ist Teilhabe nahezu unmöglich. Der persönliche Kontakt fällt weg, Unterkünfte stellen keinen Schutzraum dar, weder vor COVID-19, noch vor Gewalt gegen Frauen. Teil unseres Refugee WomEN DO it!- Kurses ist immer auch die gesellschaftliche Aufgabe, in Kontakt zu kommen und einen Gesprächsraum anzubieten für Schwierigkeiten im Alltag.
Die zunehmende Sichtbarkeit von Gewalt gegen Frauen, sowie der Einschränkungen und Rollenzuweisungen, die Frauen derzeit vermehrt erfahren, bestärkt uns in unserem Wunsch und Vorhaben aktiv dagegen vorzugehen. Damit es uns möglich ist, schnellstmöglich - und natürlich unter Einhaltung der Hygieneregeln - wieder Wendo-Kurse anzubieten und Frauen so in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, besteht ein großer Unterstützungsbedarf.
 
 
Gewaltprävention geht ohne anfassen
 
Gewaltprävention geht nicht (ausschließlich) digital. Sie benötigt Räume des Austausches zwischen Frauen und zwischen Mädchen. Sie braucht einen geschützten Ort, an dem Mädchen und Frauen lernen sich zu behaupten, für sich einzustehen und sich zu wehren. Dieser Ort kann nicht im eigenen Zuhause sein, in dem der Täter nebenan mithört. Aber: Gewaltprävention ist ohne Anfassen möglich. In feministischer Selbstverteidigung und Selbstbehauptung geht es nicht primär um die Abwehr körperlicher Gewalt. Mädchen und Frauen lernen hier Gewalt zu stoppen, bevor sie geschieht, bevor eine Situation eskaliert. Grenzen können früh gesetzt werden ohne dass eine die eigene körperliche Kraft dafür einsetzen muss, durch Körpersprache, den Einsatz der Stimme und das Wahrnehmen der eigenen Grenzen. Das zu üben geht ohne sich anzufassen und in kleineren Gruppen. Wendo-Kurse können unter Einhaltung aller notwendigen Hygienemaßnahmen geschehen, daran haben wir keinen Zweifel. Wir brauchen aber Orte – Turnhallen, Mehrzweckräume, Schulen – an denen wir Frauen und Mädchen diese notwendigen Räume bieten können.
 
Unsere Arbeit ist in diesen Zeiten besonders wichtig! Unter Einhaltung von Hygieneregeln ist sie hinsichtlich des Virenschutzes nicht gefährlicher als der nächste Einkauf. Also lasst uns unsere Arbeit machen, damit auch in diesen Zeiten Gewalt gegen Frauen und Mädchen entgegengetreten wird - von ihnen selbst.